Was ist ein Wirbelkörperersatz?

Sie stehen auf der Sonnenseite des Lebens, wenn Sie gesund sind - wenn Ihre Wirbelsäule reibungslos (‚wie geschmiert’) funktioniert, wenn sie bei Ihnen keine Schmerzen verursacht, wenn sie Ihnen nicht die Lebensqualität nimmt. Sie wissen, die Wirbelsäule ist etwas ganz Besonderes. Die Wirbelkörper, die durch straffe Bänder verbunden sind, ermöglicht uns den aufrechten Gang. Die Wirbelsäule ist flexibel - sie kann sich biegen und strecken, sie kann sich beugen, und sie trägt eine schwere Bürde - unseren Kopf. Eine unglaublich statische Aufgabe, die sie da - idealerweise - ein Leben lang erfüllt. Insgesamt besteht die Wirbelsäule aus 57 Einzelteilen, 24 beweglichen Wirbeln, aus Kreuz-und Steißbein (die sind zusammengewachsen und deshalb auch unbeweglich) und 23 Bandscheiben. Die Bandscheiben sind zwischen den Wirbelkörpern etabliert, sind die Stoßdämpfer in der Wirbelsäule.

Wenn es nun zu der Notwendigkeit eines Wirbelkörperersatzes kommt, entfernen wir einen oder mehrere Wirbel und ersetzen diese mit künstlichen Wirbelkörpern aus Titan. Ziel eines solchen Eingriffs ist die Stabilisierung und Wiederherstellung des ursprünglichen Profils nach der Entfernung des betroffenen Segments. Erfolgt so ein Eingriff nicht, kann es zur Zerstörung der Wirbelkörper mit anschließender Instabilität kommen. Der Wirbelkörperersatz macht es uns möglich, einen vollständigen Austausch eines Wirbelkörpers vorzunehmen. So können wir - beispielsweise um den Spinalkanal nach einem Bruch zu entlasten - einen kompletten Wirbelkörper entfernen und ihn durch ein Titanimplantat ersetzen. ​​​​​​

Wann ist eine Wirbelkörperersatz-Operation notwendig?

Welche Ursachen (außer Unfälle) können zur Folge haben, dass wir ernsthaft über einen Wirbelkörperersatz nachdenken müssen, ja, dass ein Ersatz sogar notwendig, alternativlos ist ?

Ein Tumor beispielsweise kann der Auslöser sein. Spinale Tumore sind jene Tumore, die im Bereich des Wirbelkanals wachsen. Tumore können den Wirbel befallen und zerstören. Dadurch kommt es zur Instabilität der Wirbelsäule  - aber auch zu erheblichen Schmerzen. Tumore können die Funktionen des Rückenmarks beeinträchtigen und neurologische Ausfälle verursachen. Wenn Tumore nicht behandelt werden, führen sie zu bleibenden Schädigungen des Rückenmarks - im schlimmsten Fall ist die Querschnittlähmung die Folge. Die meisten Tumore (etwa 50 Prozent) finden wir im Bereich der Brustwirbelsäule, die restlichen Tumore entwickeln sich im Bereich der Hals-und Lendenwirbelsäule. Wann immer Sie Schmerzen in diesen Arealen spüren, sollten Sie einen Facharzt aufsuchen. Allergrößte Eile ist geboten, wenn sich bereits Gefühlsstörungen bemerkbar machen.

Infektionen, Entzündungen an der Wirbelsäule (der Fachbegriff dafür ist Spondylitis), können ebenfalls Auslöser für eine Wirbelkörperersatz-Operation sein. Eine Spondylitis ist nicht sonderlich weit verbreitet, aber Sie sollten in jedem Fall wachsam sein, wenn Sie in der Region der Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule Schmerzen verspüren, die in den Hals, in die Arme und die Beine ausstrahlen. Als Alarmsignal gelten auch erhöhte Temperaturen und Nachtschweiß. Der Wirbel ist dann instabil und bricht oft zusammen.

Osteoporose ist die Krankheit, von der überwiegend ältere Menschen (hierbei sind besonders Frauen betroffen, weil bei ihnen der Abbau von Knochenmasse früher beginnt als bei Männern) zu berichten haben. Wir wissen, dass die Dichte der Knochen mit zunehmendem Alter abnimmt. Für die Bestimmung der Knochendichte gibt es ganz besondere Werte - wenn die unterschritten sind, sprechen wir von einer Osteoporose. Wenn die Knochen nicht mehr so fest sind, kann es leicht zu sogenannten Osteoporose-Brüchen kommen… und in allerletzter Therapiekonsequenz zu einem Wirbelkörperersatz.

Wirbelbrüche unterschiedlicher Ursache ist die häufigste Indikation für einen Wirbelkörperersatz. Wie erwähnt können Wirbelbrüche bei Wirbeltumore, bei Wirbelentzündungen und bei Osteoporose vorkommen.

Manchmal ist der Wirbelkörper stark betroffen durch Verschleiß, die sogenannte Spondylose. (Spondylosis ist ein Sammelbegriff für degenerative Veränderungen an Wirbelkörpern). Nicht immer geht die Spondylose mit Rückenschmerzen einher - wenn Sie allerdings Schmerzen haben, sind sie meist sehr heftig und treten an der ganzen Wirbelsäule auf. Der Nacken und der Rückenbereich sind auf der sogenannten Schmerzskala am stärksten betroffen. Auch hier gilt: Wann immer Sie erste Anzeichen spüren, gehen Sie zum Facharzt. Je eher er eingreifen und therapieren kann, desto minimaler sind die Folgen.

Wirbelkörperersatz - Operationsverlauf

Die Wirbelkörperersatz-Operation gilt als ‚große‘ Operation. Immerhin werden defekte Wirbelkörper gegen Implantate ausgetauscht. So ein Eingriff dauert etwa zwei bis vier Stunden.

Halswirbelsäule: Über einen Schnitt am vorderen Hals und mit Hilfe eines Spezialmikroskops erreichen wir die betroffenen Wirbel. Die beschädigten bzw. zerstörten Wirbel werden mit den dazugehörenden Bandscheiben entfernt. Falls Fragmente der befallenen Wirbel im Spinalkanals liegen, werden auch sie entfernt.  Somit ist der Spinalkanal erweitert, und das Rückenmark ist frei. Zwischen dem darüber und dem darunter liegenden Wirbel wird der künstliche Wirbel eingebracht und leicht gespannt. So liegt der „neue“ Wirbel fest. Eine Platte aus Titan wird an der vorderen Fläche der darüber und darunter liegenden Wirbel eingebracht und mit passenden Schrauben fixiert. Eigenkörperknochen oder Knochenersatzmaterialien werden für mehr Stabilität benutzt. Ob eine Fixation der Wirbel von dorsal (hinten) erforderlich (dorsale Stabilisierung mit Schrauben und Stäben) ist, muss der Arzt beurteilen. Patienten können schon am nächsten Tag mobilisiert werden.

Brustwirbelsäule: In der Bauchlagerung erfolgt zunächst von dorsal (Rückenseite) die dorsale Stabilisierung (Fixierung) der darüber und darunter liegenden 1-2 Wirbel mittels Schrauben und Stäben. Das kann perkutan erfolgen. Dann wird der Patient seitlich gelagert. Über einen Schnitt seitlich der Wirbelsäule über den Rippenverlauf gelangen wir in den Thorax - und an den seitlichen Aspekt der beschädigten Wirbel. Dann erfolgt die Entfernung des betroffenen Wirbels (oder mehrerer Wirbel) mit den dazugehörenden Bandscheiben. Der Spinalkanal und das Rückenmark werden entlastet. Danach kommt es zur Implantation des künstlichen Wirbels aus Titan zwischen den darüber und darunter liegenden gesunden Wirbeln.  Durch eine seitliche Verplattung bzw. durch zusätzliches Einbringen von eigenem oder künstlichem Knochenmaterial erreichen wir mehr Stabilität. Eine Thorax-Drainage dient als Druckausgleich im Brustkorb und wird nach einigen Tagen entfernt.

Lendenwirbelsäule: Die Operation, bei der es darum geht, die zerstörten Areale wieder so zu rekonstruieren, damit die Stabilität wieder hergestellt wird, erfolgt im Prinzip in zwei Schritten. Der erste Schritt erfolgt in Bauchlagerung: die dorsale Stabilisierung des darüber und darunter liegenden Wirbels mittels des Schrauben-Stab-Systems. Dann wird der Patient für den zweiten Schritt gedreht und auf dem Rücken gelagert. Über einen medianen (in der Mitte[llinie] eines Körpers oder Organs gelegen) Schnitt im Bauchbereich gelangen wir an die vordere Seite der Wirbelsäule. Dort entfernen wir den beschädigten Wirbel mit den dazugehörenden Bandscheiben und ersetzen ihn durch einen künstlichen Wirbel. Auch hier kommt eine Verplattung mit Einbringen von Knochenmaterial für mehr Stabilität in Frage. Eine Drainage wird nach einigen Tagen entfernt, Patienten werden nach einigen Tagen mobilisiert.  

Komplikationen? Vorteile?

Nach dem Eingriff bleibt der Patient normalerweise 12 bis 18 Tage in der Klinik. Hier kann beobachtet werden, wie gut der Wirbelkörperersatz verheilt. Schon in der Klinik beginnen erste Rehamaßnahmen, die nach der Entlassung fortgesetzt werden müssen. Die meisten Patienten können bereits wenige Tage nach der Operation wieder laufen. Die ersten Schritte in der Klinik finden natürlich in Begleitung einer Schwester oder einer erfahrenen Krankengymnastin statt. Wichtig ist, dass man nach der Klinikentlassung nicht an ‚irgendeinen‘ Physiotherapeuten gerät, sondern an jemanden, dem die Besonderheiten der Wirbelsäule vertraut sind. Schließlich ist es unser Anliegen, dass Sie wieder Ihre komplette Bewegungsfreiheit erlangen!

Dr. med. Munther Sabarini

Autor
Dr. med.Munther Sabarini
Facharzt für Neurochirurgie

Hans-Heinrich Reichelt

Co-Autor
Hans-Heinrich Reichelt
Chefredakteur Medizin für Menschen

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