Denervierung / Denervation der Wirbelgelenke

Was ist eine Denervierung / Denervation?

Seit mehr als 200 Jahren ist die Wirkung von Hitze oder Kälte auf gereizte Nerven in der medizinischen Literatur bekannt. Als Denervierung, auch Entnervung oder Enervation (engl. Denervation) genannt, bezeichnet man die vollständige oder partielle Unterbrechung der Weiterleitung von Schmerzimpulsen. Das moderne minimal-invasive Verfahren ist nicht nur mit Hitze (Thermo-Denervation bei etwa 80 Grad Hitze), sondern auch mit Kälte (Kryo-Denervation bei etwa minus 60 Grad Celsius) möglich. Diese Methode ist eine reine Schmerzlinderung, die tatsächliche Ursache (z. B. Wirbelgelenkarthrose oder Wirbelsäulendeformität) beseitigt sie allerdings nicht.

Minimal-invasive Denervierung als effektive Therapieform

Rückenschmerzen werden in der Mehrheit der Fälle durch Arthrose der Wirbelgelenke verursacht. Wirbelgelenkarthrose entsteht durch Verschleiß und Abnutzung des Knorpelgewebes im Gelenk und in der 1,5 Zentimeter großen Gelenkkapsel um das Gelenk. Es entstehen Verkalkungen, die auf kleinste Nerven und Nervenbahnen drücken. Über sogenannte Nervenäste wird der Schmerz weitergeleitet - an die großen Nerven im Rückenmark und von dort an das Gehirn.

Um die Schmerzkette zu durchbrechen, können per Denervierung (auch Neurotomie, Neurolyse oder Verödung genannt) die kleinen Nervenfasern verödet, also still gelegt werden. Die minimal-invasive Denervierung ist eine effektive Therapieform. Sie ist für den Patienten risikoarm und wenig belastend. Dabei werden weder Muskeln, Knochen oder Bänder geschädigt. Die Funktion und Beweglichkeit der Gelenke bleiben komplett erhalten. Weil außerhalb des Wirbelkanals gearbeitet wird, ist ein OP-Risiko äußerst gering.

Wann empfiehlt mir ein Arzt die minimal-invasive Denervierung?

Die Denervierung - das gezielte Stilllegen von gereizten Nerven durch Kälte oder Hitze - empfehlen wir vor allem immer dann, wenn konservative Maßnahmen zur Linderung der Rückenschmerzen nicht helfen. Die Therapie wird empfohlen bei

  • Rückenschmerzen auf Grund der Wirbelgelenksarthrose, (Facettenarthrose) in der Lenden-, Brust- oder Halswirbelsäule; Die Facettengelenke befinden sich zwischen den Wirbelkörpern im kompletten Bereich der Wirbelsäule - die Facettengelenke sind kleine Gelenke.

  • Schmerzen im Bereich des Ilio-Sakral-Gelenks (ISG-Syndrom); Die sogenannten Iliosakralgelenke verbinden das Steißbein mit dem Beckenknochen und gelten im Unterschied zu den Facettengelenken als große Gelenke.

  • weitere Indikationen können Rückenschmerzen nach Bandscheibenoperationen (Postnukleotomiesyndrom), Gelenkfehlstellungen der Wirbelsäule, Fehlbelastung der kleinen Wirbelgelenke, pseudoradikuläre Beschwerden (lokale, leicht ausstrahlende Schmerzen) sein;

  • Schmerzen durch Morbus Bechterew (medizinischer Name Spondylitis, was so viel bedeutet wie ‚versteifende Wirbelsäulenerkrankung‘). MB, eine besondere Form entzündlichen Rheumas, ist nicht heilbar.

  • Wir empfehlen in unserer Klinik auch jenen diese Methode, wenn der allgemeine, schlechte Gesundheitszustand des Patienten einen anderen Eingriff nicht erlaubt, aber eine Schmerzlinderung oder Schmerzausschaltung benötigt wird.

Liegt eine andere eindeutige Ursache vor wie zum Beispiel ein eindeutiger Bandscheibenvorfall, gravierende Spinalkanalstenose, eine Zyste oder ein Bruch, dann wird diese Ursache behandelt.  

Operationsverlauf - die Denervierung unter computertomographischer Röntgenkontrolle

Vor der Allgemeinanästhesie desinfizieren wir Teile Ihres Körpers mit einer antiseptischen Lösung. Während Sie bäuchlings auf dem Operationstisch gelagert sind, führen wir unter Röntgen-  oder CT-Kontrolle eine zwei Millimeter dünne Kanüle vorsichtig an den betroffenen Nerv heran. Um zu wissen, dass wir genau dort sind, wo wir hin wollen, werden die verantwortlichen Nervenfasern zunächst mit leichtem Reizstrom stimuliert (Neurostimulation). Bei positiven Ergebnissen führen wir Laserglasfasern in die Kanüle ein und erzeugen eine lokale Hitze von etwa 80 Grad. Dadurch werden diese Nervenfasern verödet bzw. ausgeschaltet. Durch diese Verödung sind die Nervenfasern nicht  mehr in der Lage, den Schmerz weiterzuleiten. Die Nervenfasern werden dabei nicht durchtrennt. Der Eingriff im Bereich der Wirbelsäule dauert etwa eine Stunde.

Die Denervation an den Facettengelenken kann auch mit Kälte erzielt werden (Kryo-Denervation). In der Regel erfolgt der Eingriff stationär, der Aufenthalt beträgt etwa eine Woche. Vor dem Eingriff könnten Test-Infiltrationen durchgeführt werden, jedoch sind sie nur relativ aussagekräftig.

Direkt nach der Denervierung

Nach dem Eingriff bleiben Sie etwa 1 - 2 Stunden im Aufwachraum. Da werden Sie vom geschulten Personal betreut. Herz- und Lungenfunktion sowie Ihr Blutdruck werden kontrolliert. Danach werden Sie auf Station gebracht, wo Sie den ganzen Tag liegen bleiben werden. Sie erhalten dann Physiotherapie und Schmerztherapie.

Die Tage nach der Operation

In den direkten Tagen nach dem Eingriff werden Sie nach einem ganz speziellen Schema mobilisiert. Sie erhalten Schmerztherapie und Physiotherapie. Das Beugen und Verdrehen soll vermieden werden. Schon am ersten Tag nach dem Eingriff spüren Sie Linderung. Die eingriffsbedingten Schmerzen werden mit Schmerztherapie und Kühlpacks behandelt. Wenn Sie eine Woche oder spätestens zwei Wochen nach der Operation beachtliche Schmerzlinderungen spüren, werden Sie sich durch die Schmerzreduzierung entspannter fühlen. Das wiederum führt zu mehr Beweglichkeit und besserer Durchblutung. In dieser Phase können Sie auch mit einer gezielten Physiotherapie beginnen, um die betroffenen Facettengelenke zu stärken.

Krankschreibung und Heilung nach einer Denervation

Und immer im Hinterkopf haben: Falls doch wieder ähnliche Schmerzen auftreten, kann der Eingriff problemlos wiederholt werden. Es versteht sich von selbst, dass Sie vierzehn Tage nach dem Eingriff weder schwer tragen noch heben sollten. Nach 2-3 Wochen dürfen Sie sich auch wieder ans Lenkrad Ihres Autos setzen und 3-4 Wochen später Sport treiben. Aus medizinischer Sicht gelten Sie etwa einen Monat als arbeitsunfähig.

Die Vorteile einer Denervierung. Aber sind auch Nachteile bekannt?

Es gibt in der Medizin keinen Eingriff, der ausschließlich Vorteile hat. Aber gerade bei der Denervierung im Bereich Wirbelsäule sind die Vorteile mehr als bemerkenswert. Der Eingriff gilt als risikoarm und die Verödung der Nerven an den Gelenkkapseln kann eine deutliche Schmerzbesserung oder gar Schmerzfreiheit bedeuten. Die Erfolgschancen liegen bei 75 bis 80 Prozent. Mit diesen deutlich reduzierten Schmerzen können die Patienten ihre physiotherapeutischen Maßnahmen und Bewegungstherapien wahrnehmen. Während die kleinen Nerven nach einigen Jahren anfangen, sich wieder zu regenerieren, schafft es bis dahin die Muskulatur, die Last der Wirbel zu übernehmen. Oft ist auf diese Weise keine erneute Denervation nötig. Der Eingriff ist minimalinvasiv: Es gibt keine Destruktion (Beschädigung, Zerstörung) von Knochen, Sehnen oder Muskeln. Komplikationen sind sehr selten.

Wenn man von einem Nachteil reden will, kann muss man sagen: Die Denervierung hat eine zeitlich begrenzte Wirkung. Im Allgemeinen hält der schmerzhemmende Effekt, also die Schmerzausschaltung, etwa 2 Jahre an. In dieser Zeit macht sie weitere Medikamenteneinnahme unnötig. Warum kann der schmerzhemmende Effekt nach zwei Jahren aufhören? Das liegt in der Natur des Körpers, der die Fähigkeit besitzt, zerstörte Nerven wieder neu zu bilden. Mit den deutlich reduzierten Schmerzen können die Patienten ihre physiotherapeutischen Maßnahmen und Bewegungstherapien wahrnehmen. Falls eine Denervierung dennoch nach etwa zwei Jahren wiederholt werden sollte, stellt der erneute Eingriff keine Belastung für den Körper dar.

Sind Denervierung und Facetteninfiltration das gleiche?

Nein, Denervierung und Facetteninfiltration sind nicht die gleiche Behandlungsform.

In der Wirbelsäule haben die kleinen Gelenke zwischen den Wirbeln, die sogenannten Facettengelenke, eine besondere Bedeutung. Wenn sie Beschwerden machen und die Auslöser für Rückenbeschwerden sind, oft durch die Arthrose der Facetten, wenn sie gereizt sind und wenn sich dadurch eine schmerzhafte Entzündung entwickelt hat, kommt oftmals die Facetteninfiltration in Frage. Eine Facettengelenk-Infiltration ist eine Therapie, die die Entzündung und Schwellung von Nerven und umliegendem Gewebe behandelt. Die Infiltration geht einher mit deutlicher Schmerzlinderung oder Schmerzausschaltung. Im Unterschied zur Denervierung, wird unter einer Durchleuchtungskontrolle eine geringe Menge Betäubungsmittel und Entzündungshemmer Kortison direkt an die kleinen Wirbelgelenke gespritzt. Das Verfahren kann in einem relativen kurzen Zeitraum bis zu dreimal in einem Gelenk wiederholt werden. Bei der Denervation werden die gereizten Nervenendungen mittels Hitze stillgelegt (verödet). Die Schmerzen sind dadurch länger verschwunden.

Dr. med. Munther Sabarini

Autor
Dr. med. Munther Sabarini
Facharzt für Neurochirurgie

Informationen zum Artikel

Der Artikel wurde zuletzt am 11.02.2022 geprüft und aktualisiert.

Über den Autor

Dr. med. Munther Sabarini ist Direktor und Gründer der Avicenna Klinik. Der Facharzt der Neurochirurgie hat sich insbesondere auf die Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen spezialisiert. Dr. Munther Sabarini hat mehr als 30 Jahre Berufserfahrung. In dieser Zeit behandelte er über 30.000 Patienten.

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